Aus dem Blog von: Benno Kusstatscher
Die Silvia ist schuld! Allein wäre ich doch nie auf die Idee gekommen, so einen Beitrag zu schreiben. Was ein Tiroler ist? Ist mir doch egal. Unwichtig. Blöde Frage. Und doch: Sieht man sich die aktuellen, politischen Diskussionen an, hat man schon das Gefühl, als ob wir nicht recht wüssten, wer wir denn wären. Rechtzeitig zum Herz-Jesu-Sonntag könnte da ein Selbstversuch einer Eigendefinition schon hilfreich sein. Nur, es ist mir peinlich! Nicht nur wegen der Öffentlichkeit, nein auch gegenüber engstem Freundes- und Familienkreis. Mir schwitzen die Hände, ich spüre, wie ich belächelt werde, wie mein Beitrag genervt weggeklickt wird. Darf man das überhaupt fragen? Darf man sich anmaßen, das zu beantworten? Fühlt sich so ein Tabu an? Na, dann lohnt es sich ja, es zu wagen.
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Martin Geier Sab, 06/08/2013 - 08:00

Was ist das, ein Tiroler? Benno; es ist erst mal ein gran casino. Nördlich des Brenners ist ‚Tiroler‘ erst einmal ganz unverfänglich ein Bewohner des Österreichischen Bundeslandes Tirol; und hat erst einmal weder etwas historisches geschweige denn etwas genuin politisches. Bei uns in Südtirol oder noch besser in bestimmten politischen Kreisen ist Tiroler ein hochemotionaler, hochpolitischer und mit hohen Erwartungen überfrachteter Begriff der das heutige ‚Leid‘ in Bilder gießt und für die Zukunft das erwünscht was Tiroler bis 1918/19 waren; die (meist deutschen) Bewohner eines Landes das von der Südgrenze der Monarchie bis zur Grenze mit Bayern reichte. Dabei vergessen die ‚Fans‘ daß es gerade der Nationalismus war der Tirol, das Passland, für immer geteilt hat. Nördlich des Brenners ist der Tiroler ein Teil des neuen(nicht des alten) Österreichs; die Südtiroler haben diesen ‚Österreicherwerdung‘ nie mitgemacht weil sie bereits vorher davon abgetrennt wurden. „Austrian minority in northern Italy“ eignet sich bestenfalls für Sonntagsreden, Dokumente, Traktate und Ähnlichem; außerhalb einschlägiger Kreise(den Bindestrich Süd-Tirolern) kenne ich keine die sich selbst als Österreicher bezeichnen würden. Südtirol selbst ist wieder in sich ein gran casino, geteilt und geteilt; für die meisten die ich kenne gilt die Bezeichnung Südtiroler nur für die deutsche und wenn man großherzig ist noch für die ladinische Sprachgruppe; die anderen gelten als Italiener und der Rest dann als Ausländer/Migranten. Wir sind eben kein Land mit einem gemeinsamen Bewußtsein und geschichtlichem Gedächtnis; an sich nur wenig mehr als mehrere Ethnien die sich ein Territorium teilen; ironischerweise sind es gerade die Sezessionisten aller Couleur die dazu am meisten beitragen. Die Abgegrenztheit die Du in Deinem Beitrag beschreibst trifft so leider zu, dabei sind gar Einige der Karikatur(wie die von Dir beschriebenen Schützen) näher als der Wirklichkeit; den Begriff Tiroler lehne ich für mich als Eigendefinition ab weil er gerade bei uns dermaßen überfrachtet und politisch eindeutig konnotiert ist daß ich in keinem Fall darunterfallen will; und noch weniger die Ziele dieses mehr politischen als kulturellen Tirolertums teile; noch weniger halte ich von den Freistaatlern und ähnlichen Varianten die das Südtirolertum freistaatlich überhöhen wollen und glauben man könne und müsse sich einen Staat(der wohl einem Bunker ähneln würde) am Reißbrett entwerfen; weniger als einen schlechten Witz halte ich es auch für politisch&gesellschaftlich vermessen. Anstatt „Ich will hier raus!“ kommt mir ein „Ich will da gar nicht rein!“ im Sinn. Meine Eigendefinition lautet Südtiroler(in der Version die alle Bewohner des Landes einschließt, aber nicht als postethnischer Witz) und als solcher kann man auch mit der ganzen Umgebung(Nord-Süd-Ost-West) in Verbindung treten.

Sab, 06/08/2013 - 08:00 Collegamento permanente
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Sylvia Rier Sab, 06/08/2013 - 08:35

so verschiedene Antworten aus zwei so südtirolerischen Seelen. Aber erst mal ein schönes Danke! an dich für die so ausführliche Beantwortung meiner Frage. Ich persönlich empfinde sie als (d)ein Ideal, Martin’s Ausführungen hingegen beschreiben meiner Meinung nach, wie’s wirklich ist. Eigentlich hätte ich mit meiner Frage ja darauf hinaus gewollt, aber du hast mich entlarvt und den „Stolperstein“ elegant umschifft ;-). Und jetzt widme ich mich mit größtem Vergnügen deinem Postscriptum.

Sab, 06/08/2013 - 08:35 Collegamento permanente
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Harald Knoflach Sab, 06/08/2013 - 10:19

hab ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass wir uns verstehen würden :-)

p.s.: obwohl ich freilich nicht alles unterschreiben kann, kommt deine tiroler persönlichkeitsfindung der meinen doch recht nahe. und so schön formuliert noch dazu!

p.p.s.: du kennst die ausseer hardbradler? hab die mal live gesehen. in rauris. bei einer art zeltfest. eines der besten konzerte ever. und ich hab in meinem leben recht viele konzerte besucht.

p.p.p.s.: zur „enge“ und „weltoffenheit“ hab ich einen etwas anderen zugang. ich habe eine zeit lang in england gelebt und auf meinen reisen von kamtchatka bis patagonien, von kambodscha bis neuseeland, von china bis israel, von kanada bis vietnam, von indien bis in die türkei, vom baltikum bis indonesien, von brasilien bis thailand usw. (nur afrika ist leider noch ein weißer fleck auf meiner landkarte) wie ich mir einbilde viel gesehen, viele menschen kennengelernt und viel kultur aufgesaugt. und dabei habe ich auch festgestellt, dass es keine frage der herkunft ist, ob man weltoffen oder verschlossen ist, ob man sich eingeengt oder frei fühlt. der algenzüchter mit blick aufs offene meer auf der insel nusa lembongan in indonesien sprach genauso von „enge“ und dass hier alles so „verschlossen“ sei, wie der „barista“ in einem hotel in nha trang in vietnam oder wie der arbeitersohn im argentinischen el calafate in den weiten patagoniens oder wie der portier eines kleinen gästehauses in rio de janeiro, der in einer favela lebt oder wie die junge studentin und fremdenführerin in tartu in estland oder wie der drusische polyglotte jugendliche aus majdal shams auf den golanhöhen oder wie der sohn reicher indischer unternehmer aus mumbai/bombay oder wie der student mit indischem migrationshintergrund in der millionenstadt birmingham in england usw. sie alle haben mir erzählt, wie einengend und engstirnig alles bei ihnen zu hause sei und wie sehr sie sich wünschten, in einem „weltoffeneren“ umfeld zu leben. die südtiroler „enge“ ist also ein weltweites phänomen und kein spezifikum. ich halte es da schon mehr mit den ausseer hardbradlern:

wia i dahoam woa
hob i gschimpft üba di
doch hiatz wo i fuat bin
hob i gmerkt was du wert bist für mi

i hob hoamweh - hoamweh nach BA
just a little bit of hoamweh - i hob hoamweh nach aussee

da loser wia er obaschaut
i möcht sei kraft wieda gspian
i hob scho gmoant de berg daschlogn mi
konn koa luft neama kriagn
des salz komma zwoa im meer
a ganz guat schmeckn
oba tat mi mi gern haitz wieda amoi
in mein bett zuadeckn

Sab, 06/08/2013 - 10:19 Collegamento permanente
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Markus Lobis Sab, 06/08/2013 - 10:28

Obwohl ich den Benno nicht kenne, halte ich ihn für eine verwandte Seele und ich habe diesen Text sehr genossen.

Das zentrale Element der Widersprüchlichkeit und die vielen aufgezeigten Möglichkeiten des Tirolerseins enthalten viele beruhigende Botschaften. Eine vor allem: Niemand hat die Deutungshoheit darüber, was es heißt - oder heißen sollte - TirolerIn zu sein. Jeder Versuch ist zum Scheitern verurteilt und die, die ihn unternehmen, outen sich als kleingeistige Teil-Tirolerchen. Oder Teil-Tirolerchinnen, wie’s beliebt.

Und dann tun sich unendliche Weiten und Perspektiven auf, was hier in Kernalpinien alles passieren könnte, wenn wir an morgen denken und uns nicht in das enge Korsett eines gestrigen morgens zwängen lassen.

Danke, Benno, für diesen Text. Man sollte ihn bei den Herz-Jesu-Feiern verlesen, die immer mehr zu einem „wer hat den Größeren“-Wettkampf verkommen.

Sab, 06/08/2013 - 10:28 Collegamento permanente
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a vegele Sab, 06/08/2013 - 10:55

...für diesen schönen Text und diese tollen Gedanken. Bei solchen Ansichten könnte sogar ich ein bisschen patriotisch werden (die patria wären dann wohl die Alpen und nicht Südtirol, Tirol, Trentino-Alto Adige, oder was auch immer).
In diesem Sinne schönes Herz-Jesu-Fest euch daheim!

Sab, 06/08/2013 - 10:55 Collegamento permanente
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gorgias Sab, 06/08/2013 - 15:10

Was ist die Tiroler Identität schon wirklich? Jemand kann das ganze Jahr nicht in eine Kirche gehen, aber sich aufregen wenn man in den Schulklassen die Kruxifixe entfernen will. Jemand bezeichnet sich als Tiroler und was ist das dann? Was unterscheidet uns als (Süd)tiroler von anderen Regionen Mitteleuropas wirklich? Die Sprache? Die Küche? Die Religion? Gibt es überall anders auch.
Was aber dem Tirolertum als Identität angeht ist es mehr ein Konstrukt als etwas wirklich etwas authentisches. Ein Konstrukt das über die Jahrhunderte und Jahrzente angepasst wurde um bestimmten Bedürfnissen zu erfüllen. Ein Konstrukt das seinen Achsenpunkt 1809 hatte und abgewandelt immer wieder auftaucht. So war das 1909 Gedenksjahr von den Habsburgern gelenkt und 2009 kam man drauf dass durch unsere politische Zugehörigkeit zu Italien die Tiroler Identität auf beiden Seiten des Brenners andere Entwickliungen nahm, so dass sogar Zwischen den Nord- und Südtiroler Schützenbund dauernd spannungen aufkommen.

Aber jetzt noch zur Frage wer hat gewonnen ( und jetzt meine ich nicht den Krieg sondern den Kulturikampf ) zwischen Tirolertum und Aufklärung? Ein Gedankenspiel:
Würde es heute wieder zwei Gruppen geben: Die eine würde sich für die Weihnachtsmette, das schließen der Gaststuben während der Messe und ein züchtiges und gottgefälliges Leben einsetzten, das die Religion so ernst nimmt in der Lebenspraxis wie sie es in Afrika heute noch getan wird, und die andere würde für Bildung, individuelle Freiheiten und Religionsfreiheit einsetzen. Für welchen Way of Life würde sich die heutige Bevölkerung Südtirols entscheiden? Welcher Seite würden Sie sich anschließen und es wert sehen zu kämpfen?
In Wahrheit sind wir alle schon Franzosen und Kinder der Aufklärung: libertè egalitè fraternitè!

Sab, 06/08/2013 - 15:10 Collegamento permanente
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gorgias Sab, 06/08/2013 - 16:51

In risposta a di gorgias

dann sind sie ein Opfer, ein Opfer Ihrer Kleingeistigkeit:

>. . . Frauen wie mich – von denen Sie instinktiv ganz genau wissen, dass sie keineswegs Opfer sind und sich in keiner Rolle suhlen und auch nicht „aufgrund ihrer Geschlechtsmerkmale“ dort sind wo sie sind oder nicht sind – möglichst zu zerrupfen wenn nicht zerfetzen.<
???

>So, und jetzt muss ich arbeiten, damit ich nicht am Ende doch noch als Opfer ende.<

>Das liegt daran, dass ich den Großteil meiner Kräfte für den täglichen (Über-)Lebenskampf für meine Tochter und mich – denn wir wollen beide kein Sozialfall werden und auch nicht dem Staat auf der Tasche liegen – aufwenden muss.<

>"Es ist nicht mein Wunsch, dass der Schwache durch den Mächtigen ungerecht behandelt wird; es ist nicht mein Wunsch, dass dem Mächtigen durch den Schwachen Ungerechtigkeit widerfährt; das Gerechte, das ist mein Wunsch".<

>Logisch schlussfolgern gehört wahrhaftig nicht zu meinen Stärken. <

>Sie haben auch Recht, wenn Sie sagen, dass das Thema für mich viel zu komplex ist, als dass ich eine tiefschürfende Diskussion darüber führen könnte.<

>Ich schreibe diese Kommentare und Beiträge stets zwischen Tür und Angel und mit ca. 300 anderen Dingen im Kopf <

>Weißt du, mit Dingen wie These, Synthese und Antithese kann ich wenig anfangen, auch mich Phasen, Strömungen, mit Mars und Venus, die beiden kenne ich als Planeten und ansonsten vom Hörensagen, mah, ist halt nicht wirklich mein Ding, was soll ich sagen. Ist das jetzt oberflächlich? Dümmlich? Seicht? Jedenfalls ist es halt so. Und natürlich werde ich bald 50, insofern wäre es durchaus plausibel, dass ich noch im letzten Jahrhundert feststecke. Aber vielleicht finde ich ja doch noch einen Weg da raus.<

Sab, 06/08/2013 - 16:51 Collegamento permanente
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Sylvia Rier Sab, 06/08/2013 - 16:59

In risposta a di gorgias

auf Ihre Frage, „welcher Seite würden Sie sich anschließen und es wert sehen zu kämpfen?“. Ich habe Sie wohl wieder einmal falsch verstanden. Egal. Schönen Sonntag (nb: achten Sie auf die accents, égalité zwei Mal und auch die beiden anderen jeweils mit accent aigu pas grave auf dem Endungs-é).

Sab, 06/08/2013 - 16:59 Collegamento permanente
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gorgias Sab, 06/08/2013 - 17:22

In risposta a di gorgias

jener mit einer staende-mentalitaet. ich will Privilegien abbauen und sie wollen welche einführen. und ihre kleinkarierte sprachkosmetik hat nichts mit Gleichheit und Gleichberechtigung zu tun. das aber wäre wiederum zu kompliziert für sie zu verstehen, wie sie schon selbst eingestanden haben

Sab, 06/08/2013 - 17:22 Collegamento permanente
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no name-689 Sab, 06/08/2013 - 17:18

Es hat mir die Tränen herausgedrückt bei Deinen Worten, lieber Benno. Ich bin eine Anhängerin der Psychologie, der wirklich guten, nicht der Feld- Wald- und Wiesen und ich glaube, den guten alten Freud würde das Herz höher schlagen, so gut hast Du Ambivalenz beschrieben, ohne die wir, so hab ich verstanden, keine wirklichen Menschen sind sondern nur vom Unbewußten fremdgesteuerte Roboter. Ein besseres Bild von einem Tiroler kann nicht gezeichnet werden, von dem menschlichen, der tief drin steckt, weg von dem was die letzten 25 Jahre daraus gemacht haben.

Sab, 06/08/2013 - 17:18 Collegamento permanente
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Benno Kusstatscher Sab, 06/08/2013 - 19:30

Ich bin überwältigt von Euren Kommentaren, und meine ausnahmslos alle (bisherigen), die mir gegolten haben. Schon ist mir das alles ein bissel weniger peinlich. Danke, dass Ihr mich mir Mut gemacht habt und mich auch geerdet habt. Mir liegen ein paar Antworten auf den Lippen, aber da es sich um einen reinen Bauchgefühlbeitrag handelt und eben nicht um große Argumentationskunst, möchte ich das Gesagte auf sich ruhen lassen und nicht durch Details zerreden. Ihr habt alle so 100%ig Recht und ich spüre auch Euren Knacks im Herzen. Es ist ein schöner Moment für mich.

Sab, 06/08/2013 - 19:30 Collegamento permanente

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