Das Böse und wir
Wenn ein Migrant im Zug onaniert, gilt für die Hüter der Werte: „Weg damit!“ Wenn ein Unsriger verdächtigt wird, die Eltern ermordet zu haben, gilt die Unschuldsvermutung
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Franz Berger Do., 11.02.2021 - 22:29

Hat niemand etwas zu unserem widersprüchlichen Verhältnis gegenüber dem Bösen zu sagen, zu dessen Verdrängung einerseits und zur voyeuristischen Lust daran andererseits? Oder zu irgendeiner anderen Frage in meinem Beitrag?

Do., 11.02.2021 - 22:29 Permalink
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Fabian . Do., 11.02.2021 - 23:16

Hallo, Herr Berger. Empirisch ist belegt, dass die meisten Gewaltverbrechen im nahem sozialen Umfeld (Familie, Partnerschaft) passieren. „Das Böse“ ist also nicht weit weg, sondern unter uns - ja: in uns. Das erklärt vielleicht teilweise die Projizierung dieser dunklen Eigenschaften auf Fremde (Ausländer, Migranten, Terroristen - kurz: die Anderen) - das haben Sie ganz gut erfasst, finde ich. Dieser Vorgang dient vermutlich (ich vermute nur, weil ich kein Psychiater/Psychologe bin) dem Selbstschutz, indem die eigenen dunklen Seiten geleugnet werden können; gleichzeitig sind bei solchen Unterhaltungen über den aktuellen Fall Neumair ja immer wieder scheinbar rationale Stimmen zu vernehmen, die dem Täter (wer auch immer es nun gewesen sein mag) Dummheit oder (konträr dazu) Schlauheit unterstellen, weil er das Eine unterlassen oder das Andere (in einer bizzaren Art und Weise wird ja oft fast lobend über „den perfekten Mord“ gesprochen) getan hätte. Ich weiß nicht genau, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen sich sowas analysieren lässt, aber ganz gewiss speist sich hierbei eine Faszination daraus, das Unglaubliche (Mord) selbst einmal durchzudenken („Wie würde ich vorgehen?“).

Do., 11.02.2021 - 23:16 Permalink
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Franz Berger Fr., 12.02.2021 - 13:47

Antwort auf von Fabian .

Danke, Herr Fabian, für Ihren Kommentar! Dass ein Mensch aus Selbstschutz seine dunklen Eigenschaften auf andere projiziert, kann ich nachvollziehen. Aber dass eine ganze Gesellschaft, konkret die Südtiroler Gesellschaft, so verfährt, ist schwer zu verstehen. Offensichtlich fühlen wir uns nicht nur als die Besten, sondern auch als die Guten. Ich weiß nicht, ob wir damit einen Ausgleich für unseren Minderheitenstatus suchen oder wie das zu erklären ist.
Läuft dies in größeren Gesellschaften ähnlich ab? Ich würde mir dazu jedenfalls einmal ein profunde Analyse von einem Sozialwissenschaftler o.ä. wünschen und nicht nur die (häufigen) Diagnosen von Psychiatern zu einem individuellen Fall.

Fr., 12.02.2021 - 13:47 Permalink
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Fabian . Fr., 12.02.2021 - 17:09

Antwort auf von Franz Berger

Ja, natürlich. Solche schrecklichen Ereignisse bieten immer auch Gelegenheit, um über die Gesellschaft zu reflektieren; man könnte ja durchaus argumentieren, dass die Selbstreflexion viel eher im „öffentlichen Interesse“ stünde, als die Details einer „bösen Tat“. Andererseits haben solche „Empörungswellen“ ja immer auch etwas von Selbsterhaltung durch Katalysation, wenn man so will. Es bestünde ja durchaus auch die Möglichkeit, dass eine Gesellschaft/Gemeinschaft über die Eigenbetrachtung der eigenen Schwächen und Abgründe zugrunde ginge (der Einsicht, dass „das Böse“ in jedem innewohnt, folgt ja ebenso, dass Verbrechen ein Stück weit „normal“ sind) - andererseits schreiben und diskutieren wir bisher (fast nur) über das „individuelle Böse“ - gibt es so etwas, wie eine „böse Gesellschaft“?

Fr., 12.02.2021 - 17:09 Permalink
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Franz Berger Fr., 12.02.2021 - 18:02

Antwort auf von Fabian .

Ja, die Selbstreflexion der Gesellschaft, die plötzlich mit einem Gewaltausbruch in ihrer Mitte konfrontiert wird, wäre sicher mehr von „öffentlichem Interesse“ als die Suche nach den letzten Details einer solchen „bösen Tat“. Beim tragischen Unfall in Luttach vor einem Jahr fand meines Erachtens eine solche Reflexion statt. Beim Fall Neumair spürt man diesbezüglich noch wenig. Oder täusche ich mich?

Ihre Frage „Gibt es so etwas wie eine böse Gesellschaft?“ ist wohl so zu beantworten: „Es kommt immer wieder einmal vor, dass in einer Gesellschaft das Böse überwiegt oder die Macht erhält“. Siehe Nationalsozialismus. Das war wohl seit Menschengedenken so. Denn die in der Genesis beklagte Sittenverderbnis und große menschliche Bosheit, die zur Sintflut führte, ist wohl als urzeitliche Erfahrung über das Überhandnehmen des Bösen in einer Gemeinschaft zu verstehen.

Fr., 12.02.2021 - 18:02 Permalink
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Christian I Fr., 12.02.2021 - 13:49

Das Angebot im Fernseher hat sich in den letzten 20 Jahre stark geändert. Gewalt, in alle seine mögliche Formen und Darstellungen, ist mittlerweile zu alle Uhrzeiten im Fernseher daheim. Somit denke ich hat sich unsere Gesellschaft an Gewalt gewöhnt, als wäre es fast etwas ganz „alltägliches-normales“.

Fr., 12.02.2021 - 13:49 Permalink
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Fabian . Fr., 12.02.2021 - 17:22

Antwort auf von Christian I

Foucault würde vielleicht sagen, dass diese Gewalt schon seit je in Gesellschaften exisitert, nur der Umgang damit sich geändert hat: Hat man früher noch auf den Marktplatz die Hinrichtung von Verbrechern (oder vermeintlichen) als gesellschaftliches Spektakel inszeniert, ist man in der Moderne davon abgerückt. Aber nicht, weil Gesellschaften inzwischen humaner und zivilisierter geworden wären, sondern, weil sich die Wirkung der öffentlichen Hinrichtung auf die Bevölkerung sehr schwer voraussagen lässt: Von Befreiungsversuchen, über Demütigung der Hinzurichtenden, bis hin zu anschließenden Plünderungen und Aufständen war alles dabei.

Fr., 12.02.2021 - 17:22 Permalink
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Klaus Griesser Sa., 13.02.2021 - 11:51

Franz Berger tut gut daran, uns allen eine mögliche böse Seite zuzumuten, die uns dazu bringen kann, in weiß-der-Kuckuck-warum unerträglichen Situationen aus dem Affekt & unkontrolliert gewalttätig zu handeln. Dies bezüglich zum zitierten Fall. Was anderes ist, wenn ideologische Propaganda festlegt, was das Gute bzw. das Böse ist, dazu Angst geschürt wird und Einzelne dann zu Tätern werden. Beispiel: amerikanische GIs in der Computerwaffenkammer sitzen an playgames-ähnlichen Monitoren mit dem Auftrag verdächtige Bewegungen zu überwachen, sehen am Bildschirm ihnen unbekannte Menschen weit entfernt im Osten, klicken lachend die „kill-Taste“ einige Male hintereinander; sie werden nicht zur Verantwortung gezogen obwohl bewiesen ist, dass sie unschuldige Zivilisten getötet haben, sie gelten als Kämpfer der Guten, nicht aber der, der den Vorfall aufgedeckt hat - der gilt bis heute als Böser: Assange!

Sa., 13.02.2021 - 11:51 Permalink
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Klaus Griesser Mo., 15.02.2021 - 11:08

Antwort auf von Peter Gasser

Ihr Standpunkt & Narrativ! Es kann nicht sein, was simpliciter nicht so sein darf! Ein nicht geahndetes Kriegsverbrechen einzelner Soldaten.
like the John- Wayne-Western: er ist der schießfertige Gute, die „Indianer“ sind die schreienden pfeileschießenden Wilden und dürfen einfach abgeknallt werden.

Mo., 15.02.2021 - 11:08 Permalink
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Franz Berger Mo., 15.02.2021 - 12:55

Antwort auf von Klaus Griesser

Richtig gesagt, Klaus Griesser! Wenn in einer Gesellschaft das Böse zum Tragen kommt, steht immer ideologische Propaganda dahinter. Beispiele dafür gibt es aus dem letzten Jahrhundert genug. Und auch die Vorfälle in Washington am 6. Jänner sollten uns diesbezüglich eine Lehre sein.

Mo., 15.02.2021 - 12:55 Permalink
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Fabian . Fr., 19.02.2021 - 22:15

Antwort auf von Franz Berger

Das ist eine sehr „unterkomplexe“, banale Analyse. Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch „Böses“ in sich trägt, müsste es nicht einer missbräuchlichen Betonung („Propaganda“) bedürfen, um diese individuellen Eigenschaften zu akkumulieren. Simperl formuliert: Wenn alle das Böse in sich tragen, brauche ich das nur zu sammeln, um es auch gesellschaftlich wirksam zu machen. Das reicht aber nicht - zum Glück!

Fr., 19.02.2021 - 22:15 Permalink

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