Gastbeitrag von Peter Hilpold
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Eine sehr technische
Eine sehr technische Erklärung, die leider die Grundfunktionsweise einer keynesianischen Wirtschaftssteuerung (antizyklisches Investieren/Sparen) nicht erklärt oder mitberücksichtigt.
Auch dürfte es sich bei „Es ist empirisch nachweisbar, dass Staaten mit hoher Verschuldung geringere Wachstumsraten aufweisen“ wohl um die sehr umstrittene Studie der Neoklassiker Reinhart und Rogoff (2010), „Growth in a time of debt“ handeln, bei der neben einer etwas zu auffälligen Selektion der Daten auch die nicht nachvollziehbare Gewichtung problematisch sein dürfte. Nichtsdesdotrotz hatte diese Studie politisch motiviert große Resonanz und wurde auf der ganzen Welt verwendet um Austeritätspolitik zu begründen.
Letztlich ist Wachstum nicht von der Höhe der Schulden der Staaten (der Korrektheit halber müssten auch die Schulden der Unternehmen und Haushalte in die Evaluierung miteinfließen, deren Investitionsneigung bei hoher Verschuldung ebenfalls nachässt, damit es wenigstens ein bißchen Sinn ergeben würde), sondern von der Bereitschaft des Staates abhängig, eine schwächelnde Konjunktur abzufangen. Da wir uns aber in Europa spätestens seit den 90ern in einer großteils gesättigten Wirtschaft befinden, in der die Einkommen der Bevölkerung als auch Bildungsgrad kaum mehr steigen, kommt das Wachstum, an das wir uns als Lösung alles Probleme (Arbeitslosigkeit, Verteilungsfragen, steigende Sozialkosten durch zB bessere medizinische Möglichkeiten...) so sehr gewöhnt haben, nur noch als kleines Rinnsal, gespeist von technischer Innovation und Effizienzsteigerung daher. Da wir eben 2000-2007 nicht so ganz realisiert haben, dass das eine Hochphase der Konjunktur war (die Wachstumsraten waren geringer als in den 90ern), dachten die Regierungen, die müssten mehr investieren, um die damals als schwächelnde Konjunktur wahrgenommenen Wachstumsraten zu steigern. Folgerichtig wurden kaum Rücklagen gebildet, die wir in der Zeit der Krise hätten verwenden können. Der Versuch gerade in der der Krise Staatsausgaben einzuschränken um durch gesunkene Verschuldung wie durch Zauberhand eine bessere Konjunktur heraufzubeschwören ist wohl eher als Vodoo-Ökonomie zu klassifizieren (mit Anleihen an die Logik von religiösen Institutionen und Cargo-Kulten).
Als Konsequenz sollten wir aber nicht die Konstruktion der keynesiansichen Wirtschaftspolitik, sondern unser Verständnis und unsere Abhängigkeit von einem Wachstum hinterfragen, auf das wir uns in Zukunft wohl noch weit weniger verlassen können werden als bisher. Wir müssen neue ökonomische Modelle und Lösungen finden, die es uns erlauben, eine soziale und gerechte Gesellschaft auch bei wirtschaftlicher Stagnation aus dem aktuellen zugegebenermaßen sehr hohen Niveau zu gewährleisten.
Als Leseempfehlung kann ich allen Interessierten dabei Tim Jacksons „Prosperity without growth“ ans Herz legen, das für sehr viel Diskussion in den Wirtschaftswissenschaften gesorgt hat udn ähnlich wie Pickettys „capital in the 21th century“ sehr gut und sachlich recherchiert ist.
Antwort auf Eine sehr technische von Kurt Spornberger
ich schwöre, ich hatte das
ich schwöre, ich hatte das Lesen erleichternde Absätze in den Text eingebaut ;-(
Antwort auf Eine sehr technische von Kurt Spornberger
Das stimmt so nicht ganz,
Das stimmt so nicht ganz, Kurt Spornberger. Von der keynesianischen Wirtschaftspolitik ist man auf europäischer Ebene doch schon längst abgekommen. Die Rettung des Euro als Ausdruck keynesianischer Wirtschaftssteuerung zu sehen, erachte ich als gewagt. Es war vielmehr genau umgekehrt: Das Schuldenproblem ist deshalb entstanden, da zuvor keynesianische Wirtschaftspolitik betrieben worden bzw. weil Kenynes missverstanden worden ist oder dazu benutzt wurde, eine verschwenderische Haushaltspolitik zu betreiben.
Du möchtest „die Abhängigkeit vom Wachstum hinterfragen“. Solange immer mehr Menschen den legitimen Anspruch erheben, zu essen, ein schwieriges Unterfangen.
Pickettys „Capital in the 21th“ ist sicherlich ein interessantes Buch, hat aber eine sehr kontroversielle Diskussion ausgelöst und selbst wenn man den Thesen Pickettys folgen wollte, ist nicht ersichtlich, was dieses Werk unmittelbar für die Lösung der europäischen Schuldenproblematik bringen sollte.
Antwort auf Das stimmt so nicht ganz, von klaus heinz
Wenn Sie sich meinen Beitrag
Wenn Sie sich meinen Beitrag nochmals durchlesen, werden Sie feststellen, dass ich die Euro-Rettung gerade nicht als antizyklische Investitionspolitik vestanden haben möchte, da sie nur wenige Wirtschaftssektoren betraf, die Realwirtschaft aber im Stich ließ. Das Schuldenproblem wurde gerade durch die Bankenrettung extrem verschärft. Außerdem habe ich doch aufgezeigt, dass durch die Fehlinterpretation der 2000er Jahre als unterzyklisch es zu keiner Konsolidierung gekommen ist, wie Keynes sie verlangen würde. Zinssätze wurden auch in guten Zeiten schrittweise nach unten verlegt und damit ein vermeintliches Wachstum im Dienstleisungsektor angeheizt, das sich im Nachhinein als (Finanz-)Blase entpuppt hat.
Picketty habe ich nur als Vergleich zu Jachson herangezogen, aber das scheint auf Sie als Reizwort stärker reagiert zu haben als ich das beabsichtigt hatte. Aber auch Ihre Antwort bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass wir alternative Lösungen für die Probleme finden müssen, die wir heute mit mehr Wachstum in den Griff zu bekommen versuchen. Denn so oder so, wird das erwartete Wachstum ausbleiben, da Ressourcen zur Neige gehen, durch stagnierende Löhne die Nachfrage nicht steigt, da Märkte im Inland großteils gesättigt sind und wie in Griechenland und Italien der letzten Jahre eher kontrahieren als neue Wachstumschancen zu offenbaren. Alte neoklassische Modelle, die von nicht gesättigten Märkten ausgehen sind nicht mehr applizierbar. Wenn wir also in Zukunft für immer mehr Menschen den „legittimen Anspruch zu essen“ erfüllen wollen werden wir uns damit auseinandersetzen müssen anstatt auf „trickle down“ eines Wachstums zu vertrauen, das offensichtlich ausbleibt. Wohlgemerkt, ich spreche dabei von den Volkswirtschaften der sogenannten Industrieländer. Für die Länder des globalen Südens ist Wachstum nach wie vor ein akzeptables Ziel, da dort mit steigender Produktion im Optimalfall auch die Märkte noch wachsen können und ein höheres Wohlstandsniveau auch andere Vorteile bringt (wie eine aktivere Zivilgesellschaft). Damit diese aber wachsen können werden wir in unserem Ressourcenverbrauch nicht nur effizienter, sondern auch genügsamer werden müssen.
Bitte lesen Sie sich meinen ersten Beitrag nochmals durch, ausgehend von ihrer Kritik glaube ich nicht, dass sie ihn sinnerfassend verstanden haben.