Rezension
Auf 140 Seiten geht es Laurenz Koler um nicht wenig und der Bozner schafft es in scheinbar schlichter, gerader Sprache und schonungslos offen aus dem Leben zu ziehen.

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Sein Buch passt, obwohl es der wohl jüngste Autor im Programm von Raetia geschrieben hat, gut in die Woche der Erinnerung, die sich nach dem 80. Jähren der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau fortgesetzt hat. Gut, dass man sich in der Kultur deutlich mehr Tage Zeit nimmt, um darüber nachzudenken, wie wir uns heute mit dem Erinnern und auch der Erinnerung befassen. Der Roman des 2005 geborenen Debütanten Laurenz Koler beginnt mit ersten Einblicken in das Innenleben des Protagonisten Nick, dem wir aus der Sicht eines introspektiven Ich-Erzählers auf dessen Klassenfahrt ins Vernichtungslager folgen. Schnell bekommen wir beim Lesen den sozialen Juckreiz zu spüren, den Klassenfahrten im Allgemeinen und diese im speziellen bei Nick auf den Plan rufen.
Kolers Umgang mit den eigenen Gedanken ist dabei offen. Er macht sich beim Erzählen Gedanken zu den eigenen Gedanken, rechtfertigt und verurteilt sich dabei auch selbst in Gedanken und Taten. Nick ist für uns ein gläserner Mensch der Generation Z, wir folgen ihm zur Schule und in diverse Rausch- und Traumzustände, alles findet dank einer kargen, effizienten Sprache seinen Platz.

Ich hakte mich bei ihr unter, wobei mir auffiel, dass auch ihr Gang nicht mehr allzu sicher war. „Wollen wir zu mir gehen? Ich glaube, dass ich heute Abend allein bin.“
Das Nicken fiel mir leichter als das Kopfschütteln. Ich war ihr dankbar.

An dieser Stelle auf Seite 93 haben zwei Halbabsätze mehrere Seiten Kontext, etwa. Vieles schwingt mit, auch, ohne dass es direkt ausgesprochen werden muss. Ansonsten bietet Koler immer wieder gerne klare Ansichten, klare Einordnungen, sodass etwa auch ein aufgeschlossener, wenngleich zurückgezogen lebender Bauer aus Völs am Schlern als „wahrer Chiller“ angesehen wird und sich „linksgrünversiffte Hurensteifl“ als Gustostückerln finden lassen. Die Sprache ist gleichermaßen von Onlinekontexten geprägt, wie auch von Lokalkolorit. Heraus kommt eine überraschend stimmige, sowie im neudeutschen Sinne „reale“ Mischung.

Ohne Titel: Auch das Umschlagmotiv von Laurenz Kolers Roman, welches Hannah Psenner gestaltet hat, sucht irgendwo die innere Leere mit Zigarettenrauch auszufüllen und erinnert etwas an den Stil des italienischen Malers Giorgio de Chirico. Foto: Hannah Psenner

In einer Serie von mehr oder weniger alltäglichen Begebnissen geht es Koler subtil immer wieder auch um Gruppen-Dynamiken, zwischen Y und Z hat sich da nicht allzu viel geändert. Das Bild, das er zeichnet, ist mir noch vertraut, auch wenn die äußeren Umstände anders sind. Neben Gewalt auf der Straße schildert Koler ein schwieriges häusliches Umfeld und Gewalt in der Gesellschaft, dieser unserer Gesellschaft. Wenn diese zwischen Eppaner Raves und Nadamas-Besuch von links und rechts kommt, dann ist das nicht wie bei vielen solcher Geschichten oder Debatten ein plumpes „beide Seiten sind schlecht“, sondern für den Autor eine Gelegenheit die zugrundeliegenden Ursachen anzustrahlen. Es geht um Macht, Ohnmacht und Gruppen. Auch die Sprache ist dabei ein Marker. Die Frage, was man gegen eine zusehende Polarisierung der Gesellschaft machen könnte, bleibt offen.
Was Koler zu Hause nicht findet, Wärme, Geborgenheit und Zugehörigkeit, sucht er in der Außenwelt zu kompensieren, sucht nach Bedeutung, einer Erwachsenenidentität, vielleicht sogar so etwas wie einem Ziel. Beim Lesen der Onlinewerbung zum Roman – Bookstagram will schließlich auch bedient werden – hat man immer wieder das Gefühl, hier würde über die ganze Generation Z gesprochen, wobei fast das Gegenteil der Fall ist. Ein Ich, das aus legitimen Gründen anderen gegenüber seine Stellung erst noch finden muss, übt sich schon mal in kritischer Haltung. In den Worten des Protagonisten: „Ich bin anders“ Klar, dass das viele heutzutage alle sein wollen, aber ich erlaube mir zumindest für die Authentizität dieser Aussage persönlich zu garantieren.
Natürlich ist da auch eine zarte Liebesgeschichte zu einer Kellnerin des Stammlokals von Figur und Autor am Bozner Obstmarkt. Wie viel auch davon Fiktion und wie viel aus dem wahren Leben geschöpft ist? Es ist jedenfalls wahrhaftig. Laurenz Koler ist nicht die Art von Jungautor, dem man seine Szenarien nicht abkauft. Sie sind annähernd filmisch, bis hinein in die oft perplex genaue Beschreibung von Bozner Restaurantgerichten, für die der Autor manchmal mehr Appetit hat als der Leser. Auch dafür rechtfertigt er sich. Ein Gefühl der Schuld schwingt beim Lesen einiger Passagen mit, oft auch unangemessen und selbstzerstörerisch, dann wieder als korrekter Hinweis des eigenen moralischen Kompasses. Als Boomer – das sind für die Generation Z ja alle, die älter sind – darf ich die Ärzte zitieren: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“
Dafür, dass Laurenz Koler ein Werk mit Charakter vorgelegt hat, braucht er sich allerdings weder zu rechtfertigen nochzu entschuldigen. Dafür ist ihm zu danken. Wenn es einem anderen Leser oder einer Leserin auch so gegangen ist, dannhätten sie morgen Freitagabend etwa bei seiner Buchpräsentation bei den Bozner Bücherwelten im Waltherhaus, ab 18 Uhr Gelegenheit dazu.

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